MS: Eindrücke vom Grillfest am 30.06.2013, Foto: Beratungsstelle

Multiple Sklerose

Die multiple Sklerose (MS) ist in den Industrieländern Europas und Nordamerikas die häufigste neurologische Erkrankung des jüngeren Erwachsenenalters, die zu bleibenden Behinderungen führen kann. In Deutschland leben etwa 105 000 Menschen mit MS; nach manchen Schätzungen soll es sogar 122 000 Betroffene geben. Weltweit geht man von 2,0 – 2,5 Millionen Menschen mit MS aus.

Die Erkrankung zeigt klinisch ein sehr unterschiedliches Bild und ganz verschiedene Schweregrade, so dass die Bezeichnung “Krankheit der 1000 Gesichter” durchaus ihre Berechtigung hat. Dennoch kann man heute bei all diesen Formen von ein und derselben Krankheit ausgehen, da sowohl die Bildgebung mit der Magnetresonanztomographie (MRT) als auch die Befunde in der Rückenmarksflüssigkeit eine diffus in Herdform vorliegende entzündliche Erkrankung belegen; diese führt - in Verbindung mit den Symptomen und einer der charakteristischen Verlaufsformen (s.u.) - heute sehr viel schneller als etwa vor 40 Jahren zur Diagnose MS.

Welche Veränderungen im Gewebe bilden sich bei der MS heraus?

Im Bereich des Zentralnervensystems (ZNS), das aus Großhirn, den beiden Sehnerven, Kleinhirn, Hirnstamm und Rückenmark besteht, bilden sich herdförmige Entzündungen (sog. “Plaques”) aus, bei denen unter dem Mikroskop, neben Entzündungszellen, vor allem ein Abbau der für die Normalfunktion des ZNS unabdingbaren “Markscheiden” um die Fortsätze der Nervenzellen und eine narbenartige Wucherung bestimmter Stützzellen (sog. Astroglia) im Vordergrund stehen. Allerdings sind auch schon im Frühstadium, und im Verlauf dann zunehmend, auch Abnormitäten der Nervenfasern selbst festzustellen, die vermutlich für die zunehmend immer geringer werdende Rückbildungstendenz der Krankheit ausschlaggebend sind.

Das klinische Bild der MS

Das Erkrankungsalter liegt in der Regel zwischen 15 und 50 Jahren mit einem Gipfel um das. 30.Lebensjahr. Frauen sind zwei- bis dreimal häufiger betroffen als Männer, haben aber eine bessere Prognose. Man unterscheidet drei Hauptverlaufsformen von MS. Zum einen gibt es die rein schubförmige Form, bei der es in unterschiedlichen Zeitabständen immer wieder zum ”Aufflackern” von Entzündungsvorgängen im Zentralnervensystem (ZNS) kommt. Diese bilden sich nach einigen Tagen bis Wochen wieder vollständig oder zumindest teilweise zurück, und die Krankheit befindet sich danach sozusagen im Ruhezustand. Sofern die MS auch über lange Zeit rein schubförmig verläuft, ist die Prognose bezüglich der Behinderungen relativ günstig. Bei der Mehrzahl der Betroffenen geht der Verlauf jedoch - im Durchschnitt nach etwa 10 Jahren - in den sog. “sekundär-chronischen” Typ über, bei der die neurologischen Störungen nicht oder nicht mehr nur in Schüben ablaufen, sondern sich dann schleichend und fortschreitend entwickeln. Die Kranken können schließlich sogar rollstuhlpflichtig werden, bei anderen kann es aber auch in einem früheren Stadium, wenn sie noch gehfähig sind, zum Stillstand kommen. Eine dritte Form verläuft völlig ohne Schübe, und die Krankheit entwickelt sich von Beginn an schleichend (“primär chronisch”). Diese Verlaufsform (ca. 15-20%) liegt besonders häufig dann vor, wenn die Krankheit sich erst. mit über 35-40 Jahren erstmalig zeigt.

Die MS Symptome sind sehr unterschiedlich und reichen von der akuten Sehnervenentzündung mit - häufig über Nacht auftretendem - Verschwommensehen, Gefühlsstörungen wie Taubheitsgefühl und anhaltendes “Kribbeln” an Teilen des Körpers, sowie Gleichgewichtsstörungen bis hin zu den bereits erwähnten spastischen Lähmungen vorwiegend der Beine, weniger auch der Arme. Im akuten Schub liegen oftmals mehrere dieser Symptome in Kombination vor. Blasenstörungen sind vor allem im chronischen Stadium häufig. Da heute das Gesundheitsbewusstsein sehr viel ausgeprägter ist und sich zudem die Palette der diagnostischen Möglichkeiten sehr verfeinert hat, wird in aller Regel die Diagnose oft schon beim ersten “Schub” gestellt, was zweifellos von Vorteil ist.

Wie diagnostiziert man MS?

Die diagnostischen Maßnahmen, die in der Regel in einer neurologischen Fachklinik zum Einsatz kommen, beinhalten, neben einer ausführlichen Erhebung der Krankheitsvorgeschichte und einer ausführlichen körperlichen Untersuchung, die Darstellung des ZNS mittels der sog. Magnetresonanztomographie (MRT) (einer genauen Darstellung des ZNS mittels Magnetfeldern), die nicht-eingreifende elektrophysiologische Untersuchung der sog. “evozierten Potentiale” an Sehnerven, Hörnerv und Hirnstamm sowie der langen Rückenmarksbahnen, und die Untersuchung der Rückenmarksflüssigkeit (Liquor cerebrospinalis) nach einer sog. “Lumbalpunktion”. Diese wird heute mit einer dünnen Spezialnadel durchgeführt und ist daher kaum schmerzhaft. Im Labor wird dann nach bestimmten Auffälligkeiten, vor allem den sog. “oligoklonalen Banden”, gesucht, die für Entzündungen des ZNS, wie sie MS darstellt, sehr charakteristisch sind, jedoch auch bei anderen Erkrankungen vorkommen können. Die Diagnose wird dann nach der Gesamtschau aller Befunde - unter Berücksichtigung von klinischem Verlauf und Symptomen - nach etablierten Kriterien gestellt.

Wie wird MS gegenwärtig behandelt?

Die Behandlung der MS-Kranken mit schubförmigem Verlauf im akuten Schub umfasst die hochdosierte Kortisongabe über 3-5 Tage. Die Verhinderung weiterer Schübe ist in den vergangenen Jahren wesentlich erfolgreicher geworden durch den möglichst frühzeitigen und regelmäßigen Einsatz von Beta-Interferonen oder Glatiramerazetat. Damit lässt sich die Schubrate um ca. 30% senken. Bei schwereren Formen kommt der monoklonale Antikörper Natalizumab in Betracht. Auch das Zytostatikum Mitoxantron wird eingesetzt. Da all diese Medikamente jedoch intravenös oder subkutan gespritzt werden müssen, steht die Therapie auch weiterhin ganz im Zentrum der MS-Forschung mit dem Ziel, eine noch wirksamere Behandlung mit Tabletten oder Kapseln (sog. orale Therapie) zu ermöglichen. Fingolimod ist ein solches Präparat, das seit kurzem unter bestimmten Voraussetzungen für die Therapie der MS zugelassen ist. Weitere orale Therapien werden sehr wahrscheinlich in den kommenden Jahren folgen. Auch das Immunsuppressivum Azathioprin ist schon seit langem im Einsatz und kann den Kranken, die darauf lange eingestellt sind, weiter gegeben werden. Schließlich spielt die auf Einzelsymptome gerichtete Therapie der Spastik (z.B. mit Baclofen oder Tizanidin) und der Blasenstörungen sowie die regelmäßige Krankengymnastik eine herausragende Rolle.

Trotz der vielfältigen Behandlungsmöglichkeiten ist jedoch bis heute eine Heilung der MS nicht möglich.


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